Wenn die Straße das Zuhause ist – Unterwegs mit dem Kältebus.

von Sebastian Czaja

Es ist kein klirrend kalter Winterabend mit Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes. Um die fünf Grad sind es am 17. Januar 2020.  Fünf Grad über Null bedeuten etwa zwei Grad in Bodennähe. Wenn man – durch welche Kreuzungen des Lebensweges auch immer – obdachlos wird, können zwei Grad Celsius über Leben und Tod entscheiden. Diese Gedanken begleiten mich, als ich auf die Klingel der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße drücke. Einige Sekunden später tauchen die Gesichter von Karin Holzinger und Ulrich Neugebauer auf. Sie, Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Stadtmission. Er, Leiter der Kältehilfe. Zusammen haben sie 1994, vor 25 Jahren, den Kältebus in unserer Stadt ins Leben gerufen.

Abgewiesen wird niemand.

Dass Karen Holzinger und Ulrich Neugebauer meiner Frage, ob ich ein Team des Kältebusses eine Nacht begleiten könnte, so positiv begegnet sind, hat mich sehr gefreut. Es ist wichtig vor dem Thema Obdachlosigkeit nicht die Augen zu verschließen, sondern da hinzuschauen, wo wir oftmals wegsehen. Die Notübernachtung Lehrter Straße verfügt über 125 Schlafplätze. 327 Plätze an vier Standorten sind es insgesamt bei der Kältehilfe der Berliner Stadtmission. Schon lange bevor die Notübernachtung um 21 Uhr öffnet, warten Menschen auf den Einlass. Oft mehr, als Plätze vorhanden sind. Aber abgewiesen wird niemand.

Die Nacht der Solidarität

Was ich von der „Nacht der Solidarität“ halte, fragt mich Karen Holzinger. Erstmals wird es am 29. Januar 2020 eine Zählung der ohne Obdach lebenden Menschen in Berlin geben. Das, was wir vom Senat seit zwei Jahren fordern, um besser zugeschnittene Maßnahmen umsetzen zu können; um überhaupt eine belastbare Zahl zu erhalten, wird leider erst jetzt umgesetzt. Für mich stand meine Teilnahme daher keine Sekunde zur Debatte. Selbstverständlich! Wichtig ist im Anschluss daran die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. In wie weit müssen die Angebote für Obdachlose angepasst, welche Maßnahmen stärker gefördert werden? Und wäre nicht auch eine Zählung im Sommer sinnvoll?

Respekt fährt immer mit 

Um 21 Uhr beginnt die Fahrt des Kältebusses. Einige der Isomatten, die ich als kleinen Beitrag mitgebracht habe, werden direkt im Bus verstaut. Das Telefon steht nicht lange still. Berlinerinnen und Berliner rufen an, um dem Kältebus-Team Orte zu nennen, an denen ein Mensch Hilfe benötigt. Nicht jeder, den die Mitarbeiter auf ihrer Fahrt ansprechen, möchte in eine Notübernachtung gebracht werden. Manchmal genügt ein heißer Kaffee, eine Decke oder eine Isomatte. Lässt es der Gesundheitszustand zu, wird niemand zur Mitfahrt gezwungen. Der Respekt vor der Entscheidung eines Menschen gilt für alle gleichermaßen, ob obdachlos oder nicht.

100 Kilometer durch die Nacht 

Von der Lehrter Straße geht es zum Bahnhof Gesundbrunnen. Schnell kommen Manuel* und Daniel*, die beiden Kältebus-Mitarbeiter, und ich ins Gespräch. Bis 3 Uhr morgens sind sie im gesamten Stadtgebiet im Einsatz und legen dabei durchschnittlich 100 Kilometer in der Nacht zurück, um Menschen wie Guido vor der Kälte zu retten. Guido, sitzt im Rollstuhl und besteht augenzwinkernd darauf, dass sein Name italienisch ausgesprochen wird. Bevor ich ihm eine Frage stellen kann, sagt er: „Frag‘ nicht, welche Drogen ich nehme. Frag‘ lieber, welche ich nicht genommen habe. Das dauert nicht so lange.“ Drogen und Alkohol begleiten alle Mitfahrenden, die ich in dieser Nacht treffe. Aber auch schwere Schicksalsschläge, Lebenskrisen, Verluste. Wir fahren mit Guido in die „Notübernachtung am Containerbahnhof“, eine Traglufthalle in Lichtenberg. Unsere Wege trennen sich, der nächste Ruf nach dem Kältebus ist längst eingegangen. Manuel* und Daniel* sind ununterbrochen unterwegs. Von Lichtenberg nach Treptow-Köpenick. Von Pankow nach Mitte.Ein unglaublicher Kraftakt, den die beiden und das gesamte Team der Kältehilfe haupt- und ehrenamtlich leisten. Danke, für Euren großartigen Einsatz und Eure Arbeit! Kurz nach Mitternacht fängt es doch noch an zu regnen. Und ich bin sehr froh, dass der Kältebus gerade unterwegs ist.

In der Notübernachtung Lehrter Straße
In der Notübernachtung Lehrter Straße
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*Die Namen der Mitarbeiter wurden geändert